Zukunftsbetrachtungen

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Aus Sicht des Wissensmanagements stellt sich für die Zukunft die Frage: Welche Formen des Wissensmanagements sind möglich (possible), wahrscheinlich (probable) und gewünscht (preferable)? Technologien wie sie das "Web 2.0" bietet, haben klassische Institutionen wie Journalismus, Marketing oder sogar die Politik dazu gezwungen, neue Wege des Denkens und Handelns zu beschreiten. Welche Technologie sind möglich, wahrscheinlich und gewünscht? Wie reagieren Menschen auf den technologischen und sozialen Wandel?

Inhaltsverzeichnis

Wissensgesellschaft 2.0 – Mitmachen oder Verlieren

(Fachartikel, Schweizer ICT-Jahrbuch 2007)

Web 2.0 dreht sich nicht bloss um Technologie. Web 2.0 ist auch Ausdruck eines dynamischen, gesellschaftlichen Wandels: Vernetzung total von Menschen und Informationssystemen. Eine Entwicklung, die auch Arbeitgeber und Pädagogen in die Pflicht nimmt.

Von Hans Fischer

Bevor die Gegenwart behandelt wird, sei ein Ausflug in die nahe Zukunft mit folgender Frage erlaubt: Wie sieht die Wissensgesellschaft im Jahr 2012 aus? David J. Krieger, Co-Leiter des Instituts für Kommunikationsforschung (IKF) in Luzern, antwortet: «Die Wissensgesellschaft in fünf Jahren wird ein riesiges Netzwerk aus Menschen und intelligenten Informationssystemen sein, dessen Vernetzung sehr intensiv sein wird.» Er ergänzt, dass künftig ein Grossteil der Gebrauchsgegenstände permanent Informationen von der Umwelt ablesen, speichern, miteinander austauschen und mit den Menschen zusammenarbeiten würden. Diese Form der Vernetzung ist unter dem Begriff «Pervasive Computing» bekannt. Seine Zukunftsbetrachtung geht noch einen Schritt weiter: «Das Netzwerk als Ganzes ist eine weltumspannende Wissensmanagement-Maschine.» Da Menschen Teil davon seien, folgert er: «Das Ganze ist folglich keine eigentliche Maschine, sondern viel eher ein Cyborg, ein bio-kybernetisches Wesen. Sein „Leben“ besteht darin, Wissen in allen Formen zu schaffen, zu bewahren, zu verteilen und zu nutzen.»

Die Zukunft hat begonnen

Und heute? Die Entwicklung läuft bereits. Als Etikette wird oft und gerne der Begriff «Web 2.0» strapaziert. Wikipedia umschreibt den Begriff als «unscharf umrissener Oberbegriff für die Beschreibung einer Reihe neuer interaktiver Techniken und Dienste des Internets – speziell des WWW – und einer geänderten Wahrnehmung des Internets». Wichtig, wie im ersten Absatz geschrieben, ist insbesondere der zweite Teil: Die geänderte Wahrnehmung. IKF-Co-Leiterin Andréa Belliger verdeutlicht: «Das Internet selbst wird die Anwendung. Nutzergenerierte Inhalte werden Mainstream.» Dank der Vernetzung und sozialen Interaktion werden laut Belliger Informationen flexibler, effizienter und kostengünstiger generiert, gespeichert, abgerufen und angewendet.

Es gibt selbstverständlich Experten, welche Web 2.0 vorab auf Technologie reduzieren. Jüngst erklärte Professor Clemens Cap von der Universität Rostock, dass die wesentlichen technologischen Elemente bereits seit 2000 bekannt seien. Das stimmt durchaus. Doch werden diese Elemente von den Anbietern und den Usern heute mit einer völlig anderen Selbstverständlichkeit eingesetzt. Warum eröffnen Unternehmen wie Daimler Chrysler, Coca-Cola oder der Axel Springer Verlag Dependencen in der virtuellen Parallelwelt SecondLife? Bei weitem geht es dabei nicht bloss um Image-Building. Die Unternehmen interagieren mit den Usern, betreiben Markt- und Produktforschung und akquirieren neue Kundschaft. Die Technologie ist bei solchen Marketing- und Kommunikationsstrategien eher sekundär.

Basis für Wissensaustausch

Technisch wird noch viel Altes angepasst und Neues entwickelt werden, um die fortschreitende Vernetzung und das wachsende Bedürfnis nach Interaktion zu unterstützen. Diesbezüglich hält Lars Hinrichs, Gründer der Social Networking-Plattform XING (vormals OpenBC), fest: «Jedes Mal, wenn sich ein neues Mitglied XING anschiesst, wachsen Dynamik und Nutzen des Netzwerkes, jedes Mal vergrössert sich das Potenzial, passende Geschäftskontakte rund um die Welt zu finden und Geschäftsbeziehungen zu knüpfen.» David J. Krieger führt Hinrichs Gedanken weiter aus: «Über diese Verbindungen unter Menschen mit gleichgelagerten Interessen entstehen neuartige Communities, die selber wie Netzwerke organisiert sind. Wissen und Information sammeln sich um „Hubs“ und organisieren sich durch Links zwischen den Akteuren.» Die Communities seien selbstorganisierende Netzwerke und Basis für einen funktionierenden Wissensaustausch und informelles Lernen.

Wird die Menschheit durch diesen Wissensaustausch nun intelligenter? Theorien von kollektiver Intelligenz scheiden seit langer Zeit schon die Geister. Krieger glaubt nicht an eine vernetzte, anonyme Masse, die per se als Supergehirn funktioniert. Er ist aber überzeugt, dass die neuen Kommunikationsverbindungen die Kreativität der vernetzten Individuen ansteigen lässt. Er spricht von einer «emergenten Intelligenz»; eine Intelligenz also, die durch das Zusammenführen einzelner Elemente gesteigert wird. Dies aber immer innerhalb von mehr oder weniger fest umrissenen Gemeinschaften.

Unternehmer sind doppelt gefordert. Peter F. Drucker, einer der bedeutendsten Management-Visionäre des 20. Jahrhunderts, bringt die Notwendigkeit entsprechender Massnahmen im Buch «Management im 21. Jahrhundert» mit folgender Aussage auf den Punkt: «Besonders für Führungskräfte stellen Informationen die Schlüsselressource schlechthin dar». Unternehmen müssen um Informations- und Wissensmanagement besorgt sein, sonst verlieren sie den Anschluss. Wir leben im Informationszeitalter. Information oder Wissen, je nach Definition, werden heute zu den klassischen Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital dazugezählt.

Schule unter Anpassungsdruck

Neben infrastrukturellen Anpassungen sind Unternehmen auch im Personalbereich gefordert. Die Kids und Jugendliche wachsen mit der Vernetzung und mit grosser Medienerfahrung auf. Wer jugendlichen Nachwuchs hat, weiss um deren Aktivitäten in Cyberwelten, Online-Games, Weblogs, Wikis, Foto- und Videoplattformen. Noch stärker als Arbeitgeber werden Pädagogen in die Pflicht genommen. Kommunikationsforscherin Andréa Belliger ist überzeugt, dass die Rolle der Neuen Medien in der Informations- und Wissensgesellschaft von zentraler Bedeutung sind: «Nach einer Rangliste des OECD Projekts “Definition und Auswahl von Schlüsselkompetenzen“, die im Zusammenhang mit PISA entstanden ist, gehört Medienkompetenz zu den wichtigsten Kompetenzen in allen Bereichen der Gesellschaft.» Die Schule stehe in Bezug auf die Vermittlung von Medienkompetenz und die gezielte und wirksame Anwendung von Neuen Medien unter permanentem Anpassungsdruck. Rasante technologische Entwicklungen und neue Produkte ermöglichten es Jugendlichen, immer neuere Möglichkeiten der Informationsfindung und Kommunikation zu nutzen. Ziel müsse es sein, diese Kompetenzen für Bildungszwecke zu nutzen. Und das Fazit von Belliger: «Pädagogen und Schulen sollten sich die diese Nutzungsgewohnheiten und Medienkompetenzen orientieren und Lernumgebungen an denen anpassen, statt zu versuchen, Jugendliche in eine Welt, die schon vorbei ist, zu sozialisieren.» Darf nicht vergessen werden, dass diesbezüglich auch Eltern eine wichtige Rolle spielen.

Semantic Web

Die Erfindung von HTML und HTTP und damit des WWW durch Tim Berners-Lee hat unsere Gesellschaft irreversibel verändert. Das World Wide Web bietet eine überwältigende Menge an Informationsdiensten - bestimmt für den Gebrauch durch Menschen - und ist ein tief verwurzelter Teil unseres Lebens geworden. Es ist jedoch bereits ein anders Web im aufkommen, in dem Online-Informationen von intelligenten Agenten durchforstet werden und letztere in der Lage sind Informationen zu verstehen und Schlussfolgerungen daraus in einer Form zu kommunizieren, die wir uns erst in unseren kühnsten Träumen vorzustellen vermögen.

Dieses Semantische Web stellt die nächste Phase in der Evolution des menschlichen Wissensaustausches dar. Wie damals bei der Erfindung des Mobilletterndruckes durch Gutenberg, haben heute die Entwickler dieser neuen Technologie keine Möglichkeit zur Vergegenwärtigung der endgültigen Folgen ihrer Arbeit. Es gibt jedoch die gemeinsame Überzeugung, dass die Fähigkeit zum Erfassen von Wissen in einer für Maschinen lesbaren Form, dieses Wissen online zu veröffentlichen, Agenten zu entwickeln, die dieses Wissen zusammenführen, daraus Schlussfolgerungen herleiten können und die Resultate sowohl Menschen als auch anderen Agenten kommunizieren können, die Art und Weise revolutionieren wird, wie Menschen Informationen nutzbar machen und verteieln werden.

Die Europäische Union verfolgt bereits während längerer Zeit die Vision der "Informationsgesellschaft", indem verschiedene grosse Konsortien sowohl im akademischen als auch im industriellen Bereich unterstützt werden, welche sich der Enwicklung von Infrastrukturen für das Semantische Web widmen. Das Ziel von SEKT (Semantically-Enabled Knowledge Technologies) ist es, Wissens-Technologien auf semantischer Basis zu entwickeln. Die grundlegenden Forschungsarbeiten sollen zusammengebracht, neue Softwarekomponenten und Tools entwickelt, und Vorzeigeprojekte als Referenzimplementationen für zukünftige Entwickler bereitgestellt werden. Das SEKT-Projekt hat einige der führenden Beitragenden für die Entwicklung von Wissens-Technologien, Data-Mining-Systemen und Technologien für die Verarbeitung der natürlichen Sprache zusammengebracht.

Die SEKT-Forscher streben die Festlegung einer Basis für

  • skalierbare, semi-automatische Tools zur Erstellung sogenannter Ontologien, welche die Konzepte und die Beziehungen zwischen Konzepten erfassen, die eine Applikations-Domäne strukturieren,
  • die Population von Ontologien mit Wissensinhalten und
  • die Instandhaltung und Weiterentwicklung dieser Wissensressourcen

an. Die Verwendung von Ontologien und von Softwarekomponenten und Webservices - welche mit Ontologien operieren können - tritt als die grundlegende Basis für die Erschaffung von Intelligenz im Web hervor und bietet ein vereinheitlichendes Framework für alle SEKT-bezogenen Arbeiten.

Zu diesem Zeitpunkt lässt sich nur schwer vorhersagen, ob das Semantische Web unsere Kultur derart beeinflussen wird wie einst die Erfindung von Print-Medien oder des World Wide Web wie wir es heute kennen. Es gibt keinerlei Garantie, dass viele der ungelösten Probleme, die zur Zeit den Semantic-Web-Forschern gegenüber stehen in naher Zukunft gelöst sein werden. Forschung im Gebiet des Semantic Web hilft uns aber dabei die enormen Möglichkeiten, das Wissen der Menschheit online zu sammeln, zu würdigen. Es gibt allerdings eine berechtigte Aufregung und Vorahnung was den Gedanken angeht, welche Folgen diese bedeutende Leistung später einmal in beinahe jedem Aspekt unsere Gesellschaft haben könnte.

Web 3.0

Die Web 3.0-Formel von sramana mitra lautet: Web 3.0 = (4C + P + VS) oder Web 3.0 ist die Summe von Content, Commerce, Community, Context plus Personalization plus Vertical Search.

=> Weiterführende Information zu Web 3.0

Web 4.0

Nach dem Web 1.0, dem Web 2.0 und dem Web 3.0 kommt das Web 4.0 = "The Ubiquitous Web", das nicht nur Informationen (1.0), Menschen (2.0), Wissen (3.0), sondern Intelligenz verbindet. (siehe: Project 10x: Semnatic Wave 2008 )

Quellen

  • "Semantically Enabled Knowledge Technologies - Toward a New Kind of Web", Mark A. Musen, 2.1.2006

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