Social Tagging
Aus WM 2.0 Wissensmanagement-Wiki
Tagging ist die Web-2.0-Variante der Klassifikation, ohne die ein Dokument- oder Knowledge-Management-System wenig Sinn ergibt.
Das Phänomen "Social Tagging"
Social Tagging ist ein neueres Phänomen. Es soll helfen, der Informationsfülle Herr zu werden und die für den persönlichen Gebrauch wichtigen Informationen schnell wieder zu finden. Social Tagging beginnt beim Wissensmanagement einer einzelnen Person, also mit dem „User Tagging“. Sie wählt die Tags nach eigenem Gutdünken, auf Grund persönlicher Erfahrungen und in der Regel ohne System. Wenn mehrer Personen zusammen Tags für ein Objekt vergeben, entstehen Folksonomien.
Das Objekt, welches mit einem Schlüsselwort, einem Tag bezeichnet wird, kann eine Website, ein Bild, ein Audiofile, eine Buchbeschreibung oder ein Videoclip sein. Je näher sich die Personen stehen und je identischer die Kulturkreise sind, in denen sie sich bewegen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen für das selbe Objekt identische Tags nutzen. Das hat zur Folge, dass die Informationen von dieser sozialen Gruppe schnell gefunden werden. Es bildet sich ein Netzwerk, in welchem Personen, die ähnlich denken und gleiche Interessen haben, Kontakt unter einander aufnehmen und sich gegenseitig Hilfe leisten und ihr Wissen teilen.
Eine Person oder eine Gruppe von Personen können beim Tagging verschiedene Ziele verfolgen: es können Experten sein, die sich auf Tags einigen und diese ausschliesslich für sich nutzen. Nur Personen mit ähnlichen Denkmustern werden diese Informationen finden. Eine Person kann für ihre persönlichen Bedürfnisse bestimmte Tags setzen, die nur sie alleine versteht. Das können Erfindungen neuer Wörter sein. Der Tagger oder die Taggerin beabsichtigt einen grösseren Adressatenkreis zu informieren und diesem zu helfen, Informationen schnell zu finden. Das heisst, zu den drei Entitäten Person, Objekt und Tag kommt eine vierte Dimension, der Adressat dazu.
Ordnung und Bewertung von Inhalten
Im Gegensatz zu den streng hierarchisch organisierten Schlagwortkatalogen, die meist von einem Spezialisten aufgesetzt und gepflegt werden, sorgt der Benutzer in der Social-Computing-Ära selbst und höchst individuell für die Verschlagwortung von Blog-Einträgen, Weblinks, Wiki-Artikeln und anderen Content-Elementen: Er «etikettiert» die Inhalte einfach mit beliebig vielen Schlüsselbegriffen, die gerade passend erscheinen. So entsteht zwar keine formale, aber dennoch eine «überraschend gute» Taxonomie, mit der sich die gewünschten Informationen leicht auffinden lassen.
Mit der Zeit wächst die Anzahl persönlicher Tags und es wird schwierig die Übersicht zu behalten. Deshalb ermöglicht z.B. del.icio.us den Nutzern eine rudimentäre Möglichkeit, die Tags zu strukturieren und zu bündeln. Über die Erstellung von Ordnung hinaus ermöglichen Tagsysteme deshalb eine Bewertung der jeweiligen Inhalte. Bei del.icio.us (einer der populärsten Social Bookmarking-Dienste) drückt sich dieses Rating dadurch aus, dass zu jedem Bookmark die Zahl jener Nutzer angegeben wird, die diesen Bookmark für sich gespeichert haben. Die Höhe dieser Zahl kann als Anhaltspunkt für die Güte, zumindest jedoch für die Beliebtheit der jeweiligen Internetseite in der del.icio.us-Community dienen. Die Bookmarks auf andere Websiten können von jedem Benutzer kostenlos abgelegt werden. Durch das gemeinsame Indexieren entstehen Vernetzungen die über die Suchmaschinen nicht erreicht werden können. Die Anzahl der Bookmarks auf eine Website stellt einerseits eine Bewertung der verlinkten Webseite und andererseits Trends der aktuellen Themen dar. Die polulärsten Stichworte, die sogennanten Tags, ergeben dann die Tag-Wolke («Tag Clouds»). Je mehr Benutzer ein Stichwort verwenden, desto grösser ist die Schrift in der Tag-Wolke und desto häufiger wird diese Stichwort auch von anderen Benutzern gesucht und verlinkt.
Visualisierungen dienen einem schnellen Überblick. Die Darstellung als Cluster ist eine weitere Möglichkeit.
Andere Systeme erlauben den Nutzern die Tags inhaltlich zu werten, zu gewichten und sogar Hierarchien zu bilden mit dem Ziel, die relevanten Informationen schneller zu finden. Die Vernetzung der Tags wird immer ausgeklügelter: man kann weitere Objekte mit denselben Tags aufrufen oder die Personen, die dieselben Tags vergeben haben kontaktieren; oder das System schlägt dem Nutzer Tags vor. Es liegt auf der Hand, dass diese Systeme Informationen beinhalten, die für Werbezwecke genutzt werden können. Mit Hilfe der Tags können Rückschlüsse auf die Denkweise, auf Interessensgebiete und auf die Informations-Bedürfnisse der Tagger un Taggerinnen gezogen werden. Das Individuum wird immer gläserner.
Eine weitere Möglichkeit, die zur Zeit (2007) erprobt wird, ist die Kombination von Taxonomien mit Folksonomien. Dank den Begriffen aus den Folksonomien wird es für Laien einfacher, Informationen zu finden, weil die Begriffe näher beim täglichen Sprachgebrauch liegen als die wissenschaftlichen Taxonomien.
Es ist noch nicht absehbar, in welche Richtung sich social Tagging entwickeln wird. Gewisse Systeme haben bereits intelligente Routinen, die im Hintergrund Tags analysieren und für die Nutzer gruppieren. Z.B. Ford als Automarke und Ford als Personennamen (Weinberger 2007)
Kritische Bemerkungen:
Trotz all dieser Vorteile ist Tagging noch weit davon entfernt, perfekt zu funktionieren. Als Beispiel sei die Sprachbarriere genannt. Wer etwas mit Tags versieht, neigt dazu, seine Muttersprache zu benutzen. Das ist einleuchtend. Allerdings führt diese Eigenheit auch dazu, dass man nach Eingabe eines bestimmten Suchbegriffs stets nur eine Teilmenge der tatsächlich passenden Ergebnisse präsentiert bekommt.
"Where did I use that tag?" "What tags did I use over there?" "Where did I tag that cute picture with 'sunflower'?" We are giving away our tags - and losing control of them at the same time. (aus tagtagger.com)
Vorteile
- - Die Anzahl Schlüsselwörter ist unbeschränkt.
- - Persönlichen Bedürfnisse und eigenes Verständnis der Begriffe können genutzt werden.
- - Tagging ist gutes Werkzeug für das persönliche Wissensmanagement.
- - Tags können gemeinsam genutzt werden.
- - Es entstehen Netzwerke.
- - Informationen (Wissen) wird geteilt.
- - Dem Einzelnen stehen grössere Ressourcen zur Verfügung.
- - Tagging kann von allen Personen schnell und ohne Vorwissen praktiziert werden.
- - Im Gegensatz zu wissenschaftlich erstellten Taxonomien oder Schlagwortregister verursacht es keine Kosten.
- - Veraltete Begriffe können schnell ersetzt werden. Das Vokabular geht mit der Zeit.
- - Der Zugang zu persönlichen Daten und Informationen kann von überall stattfinden.
Nachteile
- - Es können Missverständnisse entstehen, weil nicht alle Personen dasselbe Verständnis von einem Begriff haben.
- - Begriffe können mehrdeutig sind (z.B. Maulwurf: ein Tier oder ein Spion).
- - Tags können orthografisch falsch geschrieben werden.
- - Personen können mit falschen Tags absichtlich in die falsche Richtung gelenkt werden (z.B. auf Porno-Seiten).
- - Die Flut der Tags verhindert eine Übersicht und eine Orientierung. Wir sind wieder bei der Frage des „Finden im Internet“. Das hat bereits zu Tagging von Tags geführt, siehe tagtagger.com.
Forschung zu Social Tagging - Stand April 2008
Es gibt bereits Forschungsarbeiten, die sich mit dem Verhalten der Personen und den Tags (Anzahl, benutzte Schlüsselwörter, etc.) auseinandersetzen. Auf viele Fragen gibt es noch keine Antworten: Warum taggen so viele Personen? Wie ist die Qualität der Informationen, die kollektiv generiert werden? Wie kann der Prozess verbessert werden? Wie können wissenschaftliche Taxonomien mit Folksonomien kombiniert werden? Wo liegen die Grenzen von Netzwerken und Hypertexten? Welche Rolle spielt das Individuum, welche das Kollektiv?
Begriffe
Die Begriffe um den Bereich „social tagging“ sind vielfältig. Das Phänomen ist noch neu und deshalb werden immer wieder neue Begriffe kreiert, die noch nicht einheitlich definiert sind: Folksonomie, Tagsonomie, tagosphere, collaborative tagging, social classification, social indexing etc.
Folksonomy stammt von Thomas Vander aus dem Jahr 2004. Er bezeichnet damit eine von Benutzern erstellt Klassifikation, die sich bottom-up, also von unten herauf herauskristallisiert und nicht von oben herab vorgegeben wird, wie das bei wissenschaftlichen Taxonomien üblich ist. Folksonomien entstehen durch die Mitarbeit sehr vieler aktiver Teinehmerinnen und Teilnehmer.
Tag – tagging: chaotisch, unstrukturiert, freie Verschlagwortung
Gemäss Golder et al, 2006 und Sen (2006) können Tags grob drei Kategorien zugeteilt werden:
- Sachbezogene Tags: Thema, Oberbegriff, Art, Eingrenzung der Kategorie
- Subjektive Tags: Qualität von Objekten
- Persönliche Tags: Eigentümer eines Objektes, Bezugssystem, Organisation von Aufgaben
Dem Benutzer steht es frei, so viele Tags zu setzen, wie er will. Das Vorgehen funktioniert auch in Kleingruppen.
Tag Wolke - Tag Cloud
Mitverantwortlich für die Effizienz des Tagging ist die verbreitete Darstellung in Form einer «Tag Cloud», die alle erfassten Begriffe anzeigt. Die Schriftgrösse wird dabei oft für die Gewichtung der Tags genutzt, und je nach Anwendung sind die Tags wahllos angeordnet, alphabetisch sortiert oder semantisch gruppiert. Ein Klick auf einen Begriff führt zu anderen Inhalten, die mit dem gleichen Tag ausgezeichnet wurden – auf diese Weise entsteht im Lauf der Zeit eine assoziativ verbundene Wissenssammlung, die sich kinderleicht durchforsten lässt. Tag-Wolken sind ein Merkmal der Blog-Software, können aber auch nachträglich über einen Generator angelegt werden, der auf einigen Webseiten angeboten wird (zum Beispiel [www.tag-cloud.de www.tag-cloud.de].
Taxonomie: hierarchische Klassifikation von Gegendständen und Ereignissen
Meta noise: unangebrachte oder irrelevante Metadaten oder Tags (aus Wikipedia)
Anwendungen von Social Tagging
Vor allem die Video-Portale wie YouTube, MyVideo oder Clipfish buhlen um die Gunst der Nutzer - häufig in rechtlichen Grauzonen, denn bei vielen der hochgeladenen Videos handelt es sich um geschütztes Material. YouTube gilt als Prototyp des Web-2.0-Erfolgs. Das Unternehmen wurde Mitte 2005 gegründet und schon im Oktober 2006 an Google für 1,65 Milliarden Dollar verkauft. Jeder kann seine Videos einstellen und hoffen, dass er entdeckt wird. Unter dem Namen Soapbox hat später auch Microsoft ein eigenes Video-Portal ins Netz gestellt.
Das vom Yahoo!-Konzern übernommene Flickr ist ein gigantisches Fotoarchiv. Um den Überblick zu behalten, werden die Bilder mit Schlagwörtern (Tags) versehen, etwa Ortsnamen oder Objektbezeichnung. Flickr setzt wie andere Web-2.0-Angebote auf die Vernetzung seiner Nutzer. So können sich diese Kommentare zu Fotos schreiben oder Einladungen zum Anschauen von Alben zuschicken.
Sevenload ist ein weiteres prominentes Beispiel der Web 2.0-Idee, das sowohl AJAX als auch RSS verwendet. Sevenload ist ein Foto- und Videoarchiv aller gängingen Formate. Jeder kann ein Konto einrichten und seine Beiträge auf den Server laden und so der Web-Community präsentieren.
Die News-Corp-Tochter Fox Interactive Media übernahm im Mai 2007 das Foto- und Videoportal Photobucket. Der Dienst ist bei den Nutzern des sozialen Netzwerks MySpace besonders beliebt, wodurch Photobucket neben Yahoo!'s Flickr zu einer der führenden Fotoportale weltweit wurde. Gleichzeitig übernahm Fox Interactive den Web-2.0-Dienst Flektor, mit dem sich Fotos und Videos online bearbeiten und auf eigenen Websites einbinden lassen. Auch das abgemagerte Photoshop Express von Adobe läuft direkt im Browser. Wer sich als Tester registriert (Flash Player 9 ist Voraussetzung), hat eine 2GB grosse Galerie zur Verfügung. Dort kann der Nutzer kostenlos Bilder speichern, bearbeiten (rote Augen, Schwarz-Weiss-Umwandlung, Beschneiden, Grösse anpassen, Effekte) oder präsentieren.
Auf Last.fm können sich Musikliebhaber mit ähnlichen Vorlieben vernetzen und so neue Musik entdecken. Die 2002 in Großbritannien gegründete und 2007 vom US-Radiogiganten CBS übernommene Plattform stellt seinen Nutzern mit Hilfe kollaborativer Filtermethoden personalisierte Radio- und Musikvideo-Streams zur Verfügung und gibt Musikempfehlungen auf Basis gemeinsamer Hörgewohnheiten. Last.fm und CBS teilen die gemeinsame Vision von intelligenten, personalisierten Medienangeboten und Social Networking.
Das 2005 gestartete Pandora basiert auf dem Music Genom Project, einem Zusammenschluss aus Musikexperten, die in den vergangenen Jahren mehr als 400.000 Songs nach charakteristischen Eigenschaften klassifiziert haben. Pandora erstellt für seine Benutzer, die ihre musikalischen Präferenzen am Beispiel einer Band oder eines Songs angegeben haben, auf Basis dieser Daten massgeschneiderte "Musikkanäle". Leider ist der Dienst zur Zeit nur noch in den USA verfügbar.
kyte.tv bietet seinen Benutzern die Möglichkeit, eigene TV-Kanäle einfach zu kreieren, Shows zu produzieren und diese weltweit auszustrahlen. Nutzer können so selbst zum Star, Regisseur und Produzenten ihres eigenen Fernsehkanals werden. In Echtzeit können Zuschauer interagieren und veröffentlichte Beiträge auf dem Handy oder dem PC ansehen.
Eine erweiterte Form der Bewertung von benutzergenerierten Inhalten bietet das "Voten" durch die Community-Mitglieder. Die IT-Nachrichten-Plattform Newstube basiert auf Pligg CMS, einer Web-Anwendung, über die man Links zu Artikeln, News oder Blogeinträgen einsenden kann. Wer einen interessanten Artikel im Netz findet, kann ihn melden. Das funktioniert ähnlich dem Setzen eines Lesezeichens – mit dem Unterschied, dass es die ganze Welt sehen kann. Andere Teilnehmer lesen und prüfen die Einsendungen und können darüber abstimmen. Artikel mit vielen Stimmen, erscheinen auf der Startseite weiter oben. Neue Artikel erscheinen zuerst in der "Warteschlange" - hat er dann genügend Stimmen erhalten sieht man ihn auf der Startseite. Anonyme Einsendungen und Abstimmungen ("Votes") sind nicht möglich. Wenn man eigene Beiträge verfassen oder abstimmen möchte, muss man sich vorher registrieren und anmelden. Pligg CMS wurde von der bekannten englischsprachigen Technologie-Site digg.com beeinflusst.
Auch der Web-2.0-Service findz.de orientiert sich weitgehend am erfolgreichen US-Portal digg.com. Eine Themenvielfalt von Internet-News, Politik, Entertainment, Sport und vielen weiteren Teilbereichen des Webs sollen für eine rege Beteiligung der Community sorgen. User können nach dem Prinzip der Social News selbst Nachrichten, Videos und [[Weblog|Blogbeiträge] empfehlen, bewerten und diskutieren. Die Benutzer von [findz.de findz.de] können allerdings auch eigens formulierte Texte eintragen, ohne dabei auf eine andere Website verweisen zu müssen. So sollen weitere Diskussionen ermöglicht werden.
Quellen
- Artikel "Tagging - Gemeinsam besser finden", Matthias Kremp, manager-magazin.de, 14.2.2007
- Artikel "Entwickeln mit Web 2.0", InfoWeekOnline, 19.3.2007
- Artikel "Web 2.0 goes Enterprise", InfoWeekOnline, Mai 2007
- Social Tagging: Chat-Interview mit Prof. Dr. Thorsten Hampel


