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02.09.2009
Internet: Sturmlauf vom Freak- zum Leitmedium
Internet hat sich etabliert und hat das Fernsehen als Leitmedium abgelöst. Die Entwicklung von den belächelten Programmierfreaks in Garagen hin zum allseits akzeptierten und ökonomisch wichtigen World Wide Web ging rasend schnell.
Das Internet feiert demnächst sein 40jähriges Jubiläum. Der Ursprung liegt in der vom US-Verteidigungsministerium initiierten Verbindung von vier örtlich getrennten Grossrechnern am 29. Oktober 1969 (s. auch "40 Jahre Internet, 20 Jahre www"). Obwohl drei Jahre später erst ein gutes Dutzend Rechner miteinander verbunden waren, wurde damals schon das erste E-Mail-Programm entwickelt. Bis heute ist die elektronische Post die erfolgreichste Internet-Anwendung überhaupt. Ein wichtiger Schritt folgte 1984 mit der Lancierung des Domain-Namen-Systems. Ein Jahr später wurde mit „nordu.net“ die erste Domain registriert. Ende März dieses Jahres waren es weltweit übrigens 183 Millionen registrierte Domains, respektive Internet-Adressen.
Die Grundlage solch spektakulärer Steigerungsraten war die Erfindung des World Wide Web (WWW) durch Tim Berners-Lee. Es ging darum, die auf Internet-Computern gespeicherten Dokumente mittels Hyperlinks zu vernetzen und möglichst einfach austauschbar zu machen. Das World Wide Web ist folglich kein Synonym für Internet, sondern – wie E-Mail ebenfalls – eine Anwendung davon. Um die verlinkten Texte und Dokumente anzeigen und von einen zum anderen surfen zu können, brauchte es einen Web-Browser. Die Ur-Version wurde ebenfalls von Tim Berners-Lee programmiert. 1991 wurde das World Wide Web freigegeben. Dann ging es Schlag auf Schlag: 1995 waren 6,6 Millionen Rechner vernetzt, fünf Jahre später 93 Millionen, 2005 waren es 318 Millionen und heute hängen 625 Millionen Computer am Netz.
Die Entwicklungen der letzten 10 Jahre beschreiben Insider als atemberaubend dynamisch. Die anfänglichen Programmierhilfen waren instabil und unzureichend. Deshalb musste der grosse Teil der Webseiten selber programmiert werden. Ausserdem waren Speicherplatz und Verbindungsleitungen so knapp und teuer, dass die Sites auf möglichst „schlank“ getrimmt werden mussten. Webseiten-Programmierung war eine Arbeit für Freaks. Es wurde programmiert, getestet, korrigiert, wieder getestet, wieder korrigiert – manchmal die ganze Nacht lang, bis die jeweilige Site zufriedenstellend lief. Der Unterschied der Anfangszeit der kommerziellen Internetnutzung zu heutigen Verhältnissen wird unter anderem durch die Providerkosten repräsentiert: Für eine 1-Megabyte-Leitung zahlte man Ende der 90er Jahre Tausende Franken pro Monat und je nach dem mussten sogar Baggerarbeiten für das Verlegen neuer Leitungen mitfinanziert werden. Der Privatanwender kriegt solche Netzleistung heute für monatlich deutlich unter einhundert Franken frei Haus geliefert.
Neben ungleich umfassenderen grafischen Möglichkeiten, Open Source-Lösungen, neuen Programmiersprachen und technischen Rafinessen wie AJAX (asynchrones Laden einzelner Webseitenbestandteile) gilt die Veränderung weg vom Konsum-Web, hin zum Interkations-Web als wichtigste Veränderung. Früher offerierten wenig Anbieter Inhalte, welch die User entweder mochten oder nicht. Die Inhalte wurden selten aktualisiert und Interaktionsmöglichkeiten beschränkten sich auf E-Mails oder Telefonate an die Webmaster. Heute sind aus den Usern ‚Prosumer‘ geworden. Sie produzieren und konsumieren Inhalte. Dies ganz im Sinne des Web-Erfinders Tim Bernes-Lee. Er hielt das Web immer mehr für eine soziale, denn eine technische Erfindung. Er habe das Web für einen sozialen Zweck entwickelt. Damit die Zusammenarbeit verbessert werde und nicht als technisches Spielzeug.
Wenn nicht Spielzeug-, denn zumindest Spiel-Charakter hat das Web mittlerweile aber auch angenommen. Nicht nur wegen populären und inhaltlich teilweise sinnentleerten Anwendungen wie Facebook oder Twitter. Selber eine Webseite zu bauen, ist heute ein Kinderspiel. Falls die Website aber einem kommerziellen Nutzen dienen soll, sind Verantwortliche gut beraten, Spezialisten zu konsultieren. Man weiss, dass sich der durchschnittliche User für den Ersteindruck einer Webseite nur ein, zwei Augenaufschläge lang Zeit nimmt. Genügt die Seite bezüglich Optik oder Usability nicht, ist der potenzielle Kunde weg und in den meisten Fällen für immer in den Weiten des Cyberspace verloren.
Und wie geht es weiter? Web-Erfinder Tim Berners-Lee ist überzeugt: „Das Internet ist bei Weitem noch nicht fertig.“ Laut dem Pew Internet & American Life Project und der Elon Universität werden bis zum Jahr 2020 mobile Geräte die wichtigsten Zugangsgeräte zum Internet sein. Neben der semantischen Entwicklung – unter anderem lernen Suchmaschinen bei Zahlen zu unterscheiden, ob es sich um Summen, Postleitzahlen, Datumsbezeichnungen, Preise etc. handelt – gilt auch die fortschreitende Verschmelzung zwischen beruflicher und privater Anwendung sowie zwischen physischer und virtueller Realität als gesichert. Microsoft-Gründer Bill Gates ist überzeugt, dass Informationstechnologie und unternehmerische Aktivität untrennbar verknüpft sein werden. Keiner könne künftig über das Eine reden, ohne auch das Andere zu erwähnen. Intel-Mitbegründer Andrew Stephen Grove schliesslich meint: „Ich wurde früher schon mit der Aussage zitiert, dass in Zukunft alle Unternehmen Internet-Unternehmen sein werden. Ich glaube noch immer daran. Mehr denn je zuvor.“
Verfasst von Hans Fischer um 02.09.09 10:15

