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07.01.2009

Verleger, Web 3.0 und Semantik-Wirrnisse

Die NZZ in allen Ehren, aber in der Berichterstattung über die gestrige Verlegertagung ("Die Zukunft der Medien") ist folgende Passage wenig gelungen:

"(...) Der Schlüsselbegriff dazu heisst Web 3.0. Gemeint ist damit ein semantisches Verfahren, das die Bedürfnisse der Nutzer, etwa auf Grund des Klickverhaltens, erfasst. So bietet etwa der Online-Buchhändler Amazon den Kunden jeweils eine maschinell generierte Liste weiterer Bücher an, die sie interessieren könnten.

Die Daten errechnen sich in Sekundenschnelle aus Hunderttausenden von Kundenprofilen und die Trefferquote, das heisst die Wahrscheinlichkeit, dass noch ein zusätzliches Buch gekauft wird, ist hoch. Der Vorteil eines solchen Verfahrens ist, dass auch Marginalien gefördert oder gefunden werden."

Was Web 3.0 dereinst wirklich sein könnte, ist unter anderem im Beitrag "Web 3.0 und die Bedeutung der Bedeutung" oder im WM 2.0 Wissensmanagement-Wiki festgehalten. Der Begriff "Semantik" selber steht für Bedeutungslehre. Beim Semantic Web geht es um:
"(...) Die Vision des semantischen Web von Tim Berners-Lee, dem Begründer des World Wide Web, sieht eine Erweiterung des WWW um maschinenlesbare Daten vor, die die Bedeutung der Inhalte beschreiben. Hinter die sichtbaren Online-Daten soll also eine zweite unsichtbare Informationsebene treten. Diese liefert in einer für Computersysteme verständlichen Sprache semantische Annotationen, letztlich genaue Definitionen von den online publizierten Daten und deren Zusammenhänge."
Und was im NZZ-Artikel im Zusammenhang mit Amazon und den Büchervorschlägen genannt wird, hat mit Web 3.0 nichts zu tun, sondern nennt sich The Long Tail:

long tail_422px.jpg

Im Zentrum steht die Ausnützung der Kostenvorteile im Internet. Bis zu einem gewissen Grenzkostensatz (vertikale Linie in der Abbildung oben) ist klassischer (stationärer) Versandhandel ökonomisch sinnvoll. Wenn eine Internetplattform gebaut und in Betrieb ist, sind die Kosten für den Verkauf von zusätzlichen Produkten minimal. Konkret: Ob eBay 1'000’000 oder 1'000'001 Produkte anbieten, resultiert in gleich hohen Betriebs- und Unterhaltskosten. Deshalb können Long Tail-Produkte angeboten werden. Bestellt man zum Beispiel bei Amazon einen Beststeller, werden Bücher als Tipps angezeigt, die teilweise Kleinstauflagen haben. Die Masse solcher Long Tail-Produkt-Bestellungen generiert aber enorme Umsätze ausserhalb der Bestsellerbereiche.

Verfasst von Hans Fischer um 07.01.09 09:43