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30.01.2006

"Quo vadis, Internet?"

Wenn Sie hierher gesurft sind, dann dürfte die im Titel gestellte Frage auch für Sie relevant sein: Unter "Quo vadis, Internet?" lässt Focus Online die Referentinnen und Referenten des Digital Lifestyle Day 2006 über die Zukunft sinnieren - darunter hat es sehr interessante Thesen von spannenden Menschen.

Apropos "Digital Lifestyle Day": FAZ.NET hat heute eine Nachschau unter dem Titel "Das nächste große Ding im Internet" veröffentlicht. Einige Fragmente wurden im Zusammenhang mit "Web 2.0" hier im Weblog bereits erwähnt oder verdeutlicht.

Digitale Zukunft
Das nächste große Ding im Internet
Von Holger Schmidt

30. Januar 2006 Gründerprofi Alexander Samwer hat eine Vorahnung: "Vielleicht eine Handelsplattform für Fonds". Internet-Guru Esther Dyson weiß schon mehr: "Das nächste große Ding im Internet sind Communities, in denen sich Individuen mit gleichen Interessen vernetzen". Und Marissa Mayer, Chefentwicklerin von Google, sieht die "Internetsuche per Spracherkennung am Telefon" als die nächste große Idee im Netz an, nach der die wiedererstarkte Internetbranche auf dem von Hubert Burda veranstalteten zweiten "Digital Lifestyle Day" in München fieberhaft suchte.

Zehn Jahre, nachdem Pierre Omidyar Ebay erfunden hat, setzen die Gründer wieder auf die Netzeffekte einer großen Gemeinschaft. "Im Internet wird eine Architektur der Interaktion gebaut. Unternehmen wie OpenBC setzen auf Menschen, die sich der Präsenz ihrer Artgenossen versichern wollen", sagt Andreas Weigend, ehemaliger Forschungschef von Amazon. Diese sozialen Netzwerke verzeichnen rasanten Zulauf. OpenBC, gegründet vom gerade einmal 29 Jahre alten Deutschen Lars Hinrichs, hat ein Netzwerk zwischen einer Million Manager geknüpft.

Zielgruppe: Jugendliche

Die meisten dieser Community-Angebote haben Jugendliche als Zielgruppe. "Cyworld erreicht in Südkorea 90 Prozent aller Jugendlichen", sagt Rick Kim, der das internationale Geschäft für Cyworld leitet. Dort können sich die Nutzer Wohnungen virtuell einrichten. Auch Schwedens Jugend trifft sich im Internet: "85 Prozent der Schweden zwischen 18 und 24 Jahre nutzen Lunarstorm.se", sagt Berater Ola Ahlvarsson.

Auch deutsche Start-ups sind im Web 2.0 aktiv. Felix Petersen und Stefan Kellner haben ihre Internetseite Plazes.com vor einem Jahr gestartet, die zu den "Metromedien" gehört. Dort beschreiben die Menschen die Orte, an denen sie sich gerade befinden, und was sie dort tun. Eine Software setzt die "Plazes" dann zusammen, damit sich Menschen mit gleichen Interessen leicht finden können. "Graswurzel-Lokalisierungstool" nennt Petersen die Idee, die später einmal lokal zugeschnittene Online-Werbung anziehen soll. "Gut 19.000 Plazes sind schon in unserer Datenbank. Jeden Monat wächst die Zahl um 20 Prozent", sagt Petersen. Das Unternehmen ist in 120 Ländern vertreten; besonders gut kommt die Idee in den Vereinigten Staaten an.

Popularität zu Umsatz und Gewinn

Anders als während der ersten Web-Welle vor sechs Jahren läßt sich diese Popularität im zweiten Anlauf in Umsatz und vor allem Gewinn umwandeln: Dank moderner Breitbandverbindungen boomt die Online-Werbung ebenso wie der Verkauf digitaler Inhalte wie Musik oder Spiele über das Netz. In den Vereinigten Staaten wurden im vergangenen Jahr mehr als 15 Milliarden Dollar Umsatz allein mit Online-Werbung erzielt. 85 Prozent Reichweite in einer wichtigen Zielgruppe - das überzeugt auch die Vertreter der "Old Economy".

Medienmogul Rupert Murdoch hat für 580 Millionen Dollar das Internet-Unternehmen Myspace.com übernommen. In Amerika ist Myspace mit knapp 50 Millionen Mitgliedern längst Kult und wird in einem Atemzug mit Ebay, Google und Amazon genannt. "In fünf Jahren ist Myspace mehr wert als Bertelsmann", prophezeit Oliver Samwer, der sich zusammen mit seinen Brüdern Marc und Alexander nach dem Verkauf des Auktionshauses Alando an Ebay und des Klingeltonanbieters Jamba an Verisign abermals mit auf die Suche nach der ultimativen Geschäftsidee gemacht hat.

Traditionelle Medien zu digitalen Medien

Neben den Communities treiben die selbsterstellten Inhalte der Nutzer die Phantasie im Web 2.0 an. Viele Millionen Menschen schreiben inzwischen Online-Tagebücher (Blogs), produzieren Audiodateien (Podcasts) oder Filme (Video-Podcasts). Obwohl beim "Digital Life-style Day" keine tragfähigen Geschäftsmodelle für deren Vermarktung zu sehen waren, zeigten sich doch alle einig, daß die neuen Inhalte - in Verbindung mit Breitbandverbindungen - die Geschäftsmodelle vieler klassischer Medienunternehmen beeinflussen werden.

"Erfolgreiche traditionelle Medien müssen digitale Medien werden. Die Unternehmen müssen ihre Kompetenzen eben ins Netz transformieren", sagt Dyson, die nicht nur als Autorin für den Branchendienst Cnet, sondern auch mit ihrer Investition in die später an Yahoo verkaufte Bilder-Gemeinschaft Flick Scharfsinn bewies.

Viele klassische Medienunternehmer wieder nicht vorbereitet

Die Transformation in die digitale Welt haben die meisten Medien aber bisher gescheut, mahnte Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff. Viele klassische Medienunternehmer seien abermals nicht auf das Internet vorbereitet, und Investitionen in Internet-Unternehmen könnten sich die klassischen Medien angesichts der gestiegenen Bewertungen heute nicht mehr leisten.

"Ich bin nach wie vor überzeugt, daß immer noch nicht alle Manager, die den Attacken aus dem Internet ausgesetzt sind, inzwischen verstanden haben und gewillt sind, ihr Geschäftsmodell zu ändern. Wir haben das wunderbare Beispiel der Musikindustrie gesehen. Nun ist die Filmindustrie dran, und danach kommt das Free-TV. Ich hoffe wirklich, daß inzwischen jeder weiß, was es bedeutet, wenn von Momentum gesprochen wird", warnt Middelhoff, der als Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Bertelsmann bis zum Jahr 2002 zu den Vorreitern der Internet-Wirtschaft gehörte.

Das werbefinanzierte Fernsehen steht gleich doppelt unter Druck: Schon heute schichten Unternehmen ihre Werbegelder vom Fernsehen in das Internet um. In naher Zukunft können die Telekommunikationsfirmen - unter dem Stichwort Triple Play - die Programme über ihre schnellen Breitbandverbindungen direkt in die Haushalte bringen.

In Europa zuwenig Risikokapital

Nicht nur die Samwers als ewige Gründer wollen es in der zweiten Web-Welle noch einmal wissen. Auch Martin Varsavsky ist zurück in der Szene. Der unkonventionelle Argentinier ist ebenfalls ein Gründerprofi: Mit Viatel, Jazztel und Ya.com hat er drei große Unternehmen auf die Beine gestellt. Auf dem Höhepunkt der Internet-Begeisterung im Jahr 2000 hat er Ya.com für 550 Millionen Euro an T-Online verkauft, "weil ich das Angebot nicht ablehnen konnte", sagte er damals. Jetzt setzt er auf die drahtlose Funktechnik W-Lan, die Hochgeschwindigkeitszugänge ins Internet ermöglichen. Wie es sich für das Web 2.0 gehört, baut Varsavsky eine Online-Community auf. "Die Mitglieder teilen sich die W-Lan-Kapazitäten", sagt Varsavsky. Wer also - wie Christiane zu Salm - ihren Zugangspunkt in München anderen Mitgliedern der Gemeinschaft zur Verfügung stellt, kann die W-Lans der anderen Mitglieder kostenlos nutzen.

Zwar sind viele Rahmendingungen für die zweite Gründerwelle ungleich besser als in der ersten Welle. Eines hat sich aber ins Negative geändert: "In Europa steht viel zuwenig Risikokapital zur Verfügung. Alles wandert nach Amerika", sagte Loic Le Meur, einer der bekanntesten Blogger der Szene, der selber für den amerikanischen Blog-Dienst Six Apart arbeitet. Kritik kam in München auch von der EU-Kommissarin Viviane Reding, die scharfe Worte gegen die Pläne der Bundesregierung fand, das VDSL-Hochgeschwindigkeitsnetz der Deutschen Telekom den Wettbewerbern zu verschließen. "Ich hoffe, daß speziell die deutsche Regierung nicht dem Druck nachgeben wird, einseitige Lösungen zu finden, die fundamentale Probleme mit sich bringen werden." Die resolute Kommissarin machte aber klar, daß sie den Wettbewerb auf dem deutschen Markt sehr genau beobachten werden. Und so bleibt der Internet-Wirtschaft im Web 2.0 nur eine große Sorge: daß der Google-Kurs abstürzt.

Text: F.A.Z., 30.01.2006, Nr. 25 / Seite 21

Verfasst von Hans Fischer um 30.01.06 14:16

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Vorhandene Kommentare:

http://del.icio.us/foneros , dort eine Menge URLs zum fon.com Projekt

Verfasst von: gerhard um 30.01.06 15:22